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Schwarzfahrer

Regie: Pepe Danquart, Deutschland 1992
Produktion: Trans-Film GmbH
Mit: Senta Moira, Paul Outlaw
Kurzspielfilm, 16mm Lichtton und Video VHS, s/w, 12 Minuten


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Inhalt

Ein junger Schwarzer wird während einer Tramfahrt von einer älteren Frau wüst beschimpft. Die Passagiere rundum sind Zeuginnen und Zeugen der hässlichen Szene, in die sie nicht eingreifen, auf die sie mit nur kaum sichtbaren Zeichen reagieren: ein zustimmendes Nicken hier, verlegenes Wegschauen dort, sichtbare Unruhe bei Dritten. Das Schimpfen wird heftiger, gehässiger – Spannung und Beklemmung rundum nehmen zu. So geht es über zwei, drei Tramstationen hinweg, bis schliesslich ein Kontrolleur einsteigt: «Billete vorweisen bitte!» Die Frau unterbricht ihre Tirade und kramt in der Handtasche. Sowie sie ihr Ticket in der Hand hält, reisst ihr der Schwarze – der Kontrolleur ist noch mit andern Passagieren beschäftigt – dieses in einer kurzen Geste das Ticket aus der Hand, steckt es in seinen Mund, kaut und schluckt... – Der kleine Junge im gleichen Abteil lacht: «Mamma, schau mal». Die alte Frau, sprachlos und verstört, erklärt dem Kontrolleur: «Der Neger hier hat eben mein Billet gefressen», worauf dieser mit der Bemerkung, so eine dumme Ausrede habe er noch nie gehört, die Frau aussteigen heisst.

Gedanken zum Kurzfilm

Die nun verfilmte Anekdote wird seit Jahren immer wieder erzählt: es passierte in Bern, in Berlin... und anderswo. Wo und aus welcher Begebenheit oder Fantasie heraus sie entstanden ist, bleibt offen. Auffallend ist, dass sie offenbar sehr beliebt ist, was die Frage aufwirft, was es denn ist, das diese Geschichten so populär macht. Der Witz vielleicht, mit der dieses an sich ernste, zunehmend gewalttätige und bisweilen tödliche Thema angegangen wird. Die Frechheit und das Unerwartete: «Der Neger hier hat eben mein Billet gefressen...» Wie befreiend der Moment, wo er das tut! Was vorausgegangen war, ist bekannt, und wer hätte ähnliches nicht selber schon erlebt? Wie «fremd» aussehende Menschen offen beschimpft werden, oder subtiler ausgegrenzt oder auch «nur» demonstrativ ignoriert... Solche Szenen verlaufen meist in den immer gleichen Mustern: selten kommt es zu Handgreiflichkeiten, meist bleibt es bei gegenseitigen Beschimpfungen oder peinlichem Schweigen, bis einer der beiden Beteiligten weggeht. Die hässliche Szene hat zwar ein Ende gefunden, doch verändert hat sich nichts: die Spannung und das Unbehagen bleiben bestehen, die Opfer bleiben Opfer und die Täter bleiben Täter, die ZeugInnen blieben einmal mehr stumm.

• Opfer und Täter: Rollen durchbrechen
Die Geschichte durchbricht dieses Schema: «der Neger hier hat eben mein Billet gefressen». Er ist frech, er ist unverschämt, nachdem er bis anhin kein Wort gesagt hat. Allen war es peinlich und jetzt lässt er alle lachen. Seine Frechheit hat erlöst aus dem peinlichen Zeugenstand und befreit von der moralischen Verpflichtung, Stellung zu nehmen. Niemand muss ihm helfen, er hilft sich selber. Niemand muss sich für ihn einsetzen oder mit schlechtem Gewissen nach hause gehen, weil er/sie eben dieses nicht getan hat. «Der Neger hier hat eben mein Billet gefressen!» - schwingt da nicht gleichzeitig eine feine Anspielung auf alte Bilder und Fantasien, was - barbarisch, unzivilisiert und kannibalisch - so alles gefressen wird...? - Ein paradoxes Verhalten: der Akteur hält uns die Karikatur uralter Vorurteile vor Augen und zeigt damit auch deutlich, dass er nicht im Sinn hat, sich wie ein «guter Neger» aufzuführen, um sich irgendwelche Akzeptanz zu erwerben.

Die eigene Fremdheit
Soweit zum frechen, zum überraschenden Teil der Geschichte. Nichtsdestoweniger hat sie auch ihre ernsthafte und tragische Seite. Trotz des Lachens zum Schluss - die Frau kann einem leid tun. Was hat die alte Giftnudel nicht so alles von sich gegeben? Von ihrem Verstorbenen sprach sie, von ihrem Hans, der immer schon gesagt hatte: «Lassen wir einen rein, dann kommen sie alle, die ganze Sippschaft...» Und wenn das so weitergehe, dann gebe es bald nur noch Türken, Polen und Afrikaner hier. Genau hingehört spricht die Frau auch von ihrer Angst: «Ich trau mich nachts schon nicht mehr auf die Strasse, man hört ja so vieles» - und notabene von ihrem Fremdsein in der eigenen Heimat: «Man weiss ja schon bald nicht mehr, in welchem Land man lebt.» Dass sie den Schwarzen dafür verantwortlich macht, den «Neger», ist mehrheitsfähig: unsere Gesellschaft braucht ihre «Neger», brauchte sie immer schon, um über eigene Miseren hinweg zu täuschen. Es funktioniert das Sündenbockprinzip, das sich um wirkliche Ursachen der Missstände - soziale Not, Vereinsamung und vieles mehr - nicht kümmert, sondern eine Schuld erfindet und diese dem Nächst-Schwächeren auflädt. Ihre eigene Umgebung wurde der alten Frau fremd und bedrohlich - diese Bedrohung sieht sie personifiziert im Schwarzen, der ihr ein konkretes Gegenüber ist.

Arbeitsanregungen

Der Film eignet sich als Einstieg in die Thematik Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in unserer Gesellschaft. Es lassen sich verschiedene Aspekte thematisieren; so zum Beispiel:

Was ist Rassismus? wie tritt er auf?

- von eigenen Erlebnissen berichten lassen, von Situationen, wo sich z.B. Schwarze und Weisse (nicht) begegneten - Jugendbücher, Comix nach rassistischen Bildern untersuchen: wie werden die verschiedenen Menschen dargestellt (intelligent-dumm, zivilisiert-barbarisch, angezogen-halbnackt, herrschend-dienend ...)

- Kontakte zu AusländerInnen in der Gemeinde aufnehmen, diskutieren, wie sie uns und wie wir sie erleben

Rassismus und soziale Not im eigenen Land

- die Aussagen der Frau analysieren: was steht hinter ihren Worten? - und fantasieren: wie lebt sie? wie geht es ihr wohl?

- Statistiken studieren: wann und wo kommt es vermehrt zu fremdenfeindlichen Ausschreitungen? - Diese haben nichts mit der Zahl der anwesenden AusländerInnen zu tun, sondern mit wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen

- Gespräche mit lokalen PolitikerInnen führen: wo sehen sie Ursachen des Rassismus und was kann dagegen unternommen werden

• Wir werden ZeugInnen von rassistischen Vorkommnissen - was tun?

- die Szene nachspielen und verschiedene Möglichkeiten ausprobieren. Was passiert, wenn wir in der Rolle der Mitfahrenden eingreifen? Vielleicht findet jemand eine Möglichkeit, die Spannung und Aggression in der Szene aufzufangen.

Unser eigener Rassismus...?

- von eigenen Erlebnissen, von Misstrauen und Ängsten sprechen, die wir gegenüber Menschen haben, deren Sprache wir nicht verstehen, deren Umfangsfomen uns fremd sind.- Sind wir deswegen Rassisten? Was machen wir mit solchen Gefühlen?

Ruth Daellenbach
Bern im Juni 1993

Adressen

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  • artlink, Büro für Kulturkooperation (ehemalige Fachstelle Kultur und Entwicklung), Waisenhausplatz 30, Postfach 109, 3000 Bern7, Tel. 031 / 311 62 60, www.artlink.ch 
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Last Update 08.12.2008