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Guelwaar

Regie: Ousmane Sembene, Sénégal 1992
Produktion: Filmi Doomireew/Galatée Films/WDR
Spielfilm, Wolof / Französisch, deutsch untertitelt, 16mm Lichtton und Video VHS, 105 Minuten


Inhalt

Der stark gehbehinderte Aloys kommt in der Dämmerung nach Hause und setzt sich erschöpft in einen Sessel. Als seine Mutter das Zimmer betritt, legt Aloys den mitgebrachten Koffer seines Vaters auf den Tisch. Nogoye Marie weiss, was dies zu bedeuten hat, und bricht in Klagen aus. Sophie, die Schwester, eilt hinzu, umklammert vor Schmerz ihre Mutter und versucht sie zu trösten. Weinend fragt sie nach dem Verbleib von Barthélémy, dem zweiten Bruder. Aloys überreicht seiner Mutter den Ehering des Vaters. Die Kamera fängt mit einem Schwenk das an der Wand hängende Hochzeitsbild ein: die ebenso junge wie hübsche Braut steckt ihrem Mann den Ring an den Finger.

Die Melodie eines kirchlichen Trauerliedes führt uns zurück in die Gegenwart. Eine Gruppe ganz in Weiss gekleideter Ministranten, gefolgt vom Priester, kommen auf die Kirche zu. Trauergäste kondolieren der Witwe. Gor Mag, einer der €ltesten, bittet Abbé Léon, den Priester, dem Wunsch des Verstorbenen zu folgen und die Trauermesse in Latein zu lesen. Da tritt Aloys mit einer bestürzenden Nachricht auf Abbé Léon zu. Der Leichnam sei verschwunden, und Barthélémy bereits bei der Polizei, um mit deren Hilfe den Vorfall aufzuklären. Im Büro eines Polizeireviers lässt Barthélémy durch sein Auftreten erkennen, dass er den Chef zu sprechen wünscht. Dem Polizeioffizier, dem er nach kurzem Warten Bericht erstattet, ist sein Vater - Pierre Henri Thioune, genannt Guelwaar - bestens bekannt. Er weiss auch um den auf den Vormittag angesetzten Bestattungstermin. Mit einer scheinbar nebensächlichen Frage weist Barthélémy auf seine gesellschaftliche Stellung hin, bzw. droht unverhohlen mit seinen 'guten Beziehungen'. Der Polizeioffizier Gora reagiert darauf korrekt, seine Antwort verhehlt aber nicht seine innerliche Empörung: Die Untersuchung des Vorfalles mit seinem toten Vater obliege allein ihm.

Gemeinsam brechen Gora und Barthélémy auf, um den verschwundenen Leichnam zu finden. Es wird schnell klar, dass es bei der Auslieferung des Toten zu einer Verwechslung gekommen ist: Guelwaars Leiche wurde mit jener von Meyssa Ciss verwechselt und von dessen Verwandten bereits am Vorabend nach muslimischem Ritus bestattet. Nun verkomplizieren sich die Ereignisse auf mehreren Ebenen: Gora sieht sich vor das Problem gestellt, die Verwandten von Meyssa Ciss davon zu überzeugen, dass es eine Verwechslung gegeben hat und sie nicht diesen, sondern Guelwaar bestattet haben, weshalb sie einer Exhumierung zustimmen sollen. Und die Trauergemeinde Guelwaars, die mit Schrecken auf die nicht länger zu verheimlichende Nachricht reagiert, muss abwarten, was Gora und Barthélémy erreichen.

Das bis dahin gezeichnete Bild einer intakten, wenn auch in Trauer und Schmerz vereinten Familie, lässt nun erste Risse erkennen. Hélène, Sophies Freundin, die aus Dakar mit angereist ist, sorgt mit ihrer durchsichtigen schwarzen Bluse, für Verwirrung unter den Männern. Abbé Léon kann die geheuchelte Entrüstung nicht länger ignorieren, weshalb er die junge Frau zur Seite bittet, um sie auf ihr Fehlverhalten hinzuweisen. Hélène nutzt diese Gelegenheit, ihr Herz zu erleichtern: Wie Sophie arbeitet sie als Prostituierte in Dakar. Und wie jene durch ihre Arbeit das Studium von Barthélémy in Europa ermöglicht hatte, wo dieser nun eine gute Stelle hat, sei auch ihre Familie ganz auf ihre finanzielle Unterstützung angewiesen.

Damit fällt ein anderes Licht auf den mit leichter Herablassung auftretenden Barthélémy und Guelwaars Familie. Dieser Eindruck wird noch verstärkt durch den Monolog von Nogoye Marie vor dem auf dem Ehebett ausgebreiteten schwarzen Anzug ihres Mannes: Die seelischen Qualen, die sie als Mutter und Ehefrau in all den Jahren zu erdulden hatte, brechen aus ihr heraus. In dieser dichten und eindrücklichen Szene werden nicht nur die familiären, sondern auch die gesellschaftlichen Widersprüche klar benannt, es offenbart sich die herrschende Doppelmoral. Denn anders als ihr angesehener Mann hat sie es nie verstanden, die familiären Probleme politisch zu überhöhen bzw. als gesellschaftlich bedingt zu erklären. Ihre Bilanz der dreissigjährigen Ehe ist durchweg bitter. Während wir als ZuschauerInnen mit diesem Wissen den unterschwelligen Zweikampf zwischen Barthélémy und dem Polizeioffizier Gora mit anderen Augen verfolgen, enthüllen sich im Dorf des 'falschen' Toten Meyssa Ciss ganz ähnliche Zustände wie im Hause Guelwaars: Der Bruder des Toten, Mor Ciss, weigert sich strikt, einer Exhumierung zuzustimmen. Zudem sind auch im Hause Ciss die familiären Konflikte beträchtlich. Auch in dieser Familie versuchen die Männer den Konflikten aus dem Weg zu gehen. So hatte Mor Ciss offenbar ein Verhältnis mit der zweiten Frau seines Bruders, aus dem einige Kinder entstanden. Nun versucht er die junge Witwe zu einer Heirat mit ihm zu bewegen. Doch diese reagiert ganz anders als Nogoye Marie: Zur Schande der Familie ihres Mannes legt sie die ihre Witwenschaft und Trauer symbolisierenden Gewänder ab, und wird die Familie verlassen.

Der Dorfälteste Baye Aly, Volksvertreter und zugleich Vorsitzender der lokalen Bauerngenossenschaft, will zuerst Gora bei seiner Arbeit zu unterstützen. Nachdem aber Gora von Mor Ciss von seinem Gehöft verwiesen worden ist, und mit der Ankündigung, wieder zu kommen, das Dorf verlassen hat, drohen Mor Ciss und seine Verwandten, die Unterschlagung von Lebensmitteln anzuzeigen, wenn Baye Aly nicht ihre Darstellung der Dinge unterstütze.

Barthélémy, der erst nach Einbruch der Dunkelheit in die Stadt zurückkehrt, kann die Trauernden immerhin damit trösten, dass die Leiche gefunden sei. Als Nogoye Marie hört, was geschehen ist, reagiert sie weit gelassener als die anderen. Sie betont, sie habe nichts gegen die Moslems, seien doch viele ihrer Jugendfreundinnen Muslime gewesen und sie kenne auch den Imam jenes Dorfes persönlich. Richtig trauern aber könne sie nur, wenn Guelwaar umgebettet und auf einem christlichen Friedhof bestattet wäre. Die Trauergemeinde reist nach ihrem Willen gemeinsam ins das Dorf Baye Aly, um Guelwaars Leichnam zu holen. Eine Delegation trifft im Dorf auf Gora, der ebenfalls gekommen ist, und das nun folgende Gespräch moderiert. Er, der, wie sich später herausstellt, selbst Moslem ist, bezieht sich auf das für die Muslime verbindliche Gesetz der Scharia, das in einem solchen Falle ausdrücklich eine Graböffnung erlaube. Doch die gegenseitigen Unterstellungen lassen schnell die Wogen hochschlagen. Dem um Vermittlung bemühten Gora wird vorgeworfen, er habe sich von "den Ungläubigen" kaufen lassen.

Als aus dem Hintergrund einige mit Knüppeln bewaffnete Männer hervorstürzen, um die Christen zu attackieren, befiehlt Gora den Rückzug. Es gelingt Gora mit seinen bewaffneten Männern, die beiden Gruppen auseinanderzuhalten. Noch bevor der zwischenzeitlich informierte Abgeordnete und der Präfekt eintreffen, kommt der Imam auf die Christen zu, um sich zunächst für das Verhalten seiner Glaubensbrüder zu entschuldigen und mit Abbé Léon bzw. den €ltesten über das weitere Vorgehen zu beraten. Aus dem dabei geführten Gespräch - bzw. weiteren eingeschnittenen Rückblenden - lassen sich dann Stück für Stück die genaueren Umstände von Guelwaars Tod rekonstruieren: Im Auftrag der €ltesten hatte Guelwaar eine Rede bei einer Veranstaltung gehalten, bei der den Vertretern europäischer Institutionen für die gewährte Nahrungs- bzw. Entwicklungshilfe gedankt werden sollte. Zum Entsetzen der senegalesischen Repräsentanten hatte er dabei eine scharfe Rede gehalten, in der er die seit 30 Jahren andauernde Abhängigkeit von fremder Nahrungsmittelhilfe angeprangert hatte. Die Rede gipfelte in den Worten: "Wir, das Volk, stumm und ohne Würde, wir tanzen vor diesen Spenden: Welche Erniedrigung!" Die Aufregung ist beträchtlich, und noch während Guelwaar spricht, befiehlt der Abgeordnete seinen Leuten, diesen Mann zum Schweigen zu bringen. Einige Tage später stirbt Guelwaar an den Folgen ihm zugefügter Schläge.

Während der Abgeordnete und der Präfekt nun darum bemüht sind, den politischen Skandal zu vertuschen, findet der im Gefolge der Ereignisse entstandene Konflikt um die Verwechslung der Toten auf der 'mittleren Ebene' seine Lösung, weil einige Besonnene den Scharfmachern auf beiden Seiten widersprechen, Verantwortung übernehmen und sich auf die Gegenseite zubewegen: Nachdem Gor Mag dem Imam die Umstände von Guelwaars Tod erzählt und dabei selbstkritisch auch sein aus Feigheit motiviertes Schweigen nicht ausgespart hatte, erhebt sich Imam Biram, und teilt seinen Glaubensbrüdern mit, dass er selbst das Grab öffnen werde.

Unterdessen unternimmt der Abgeordnete Fall einen Versuch, die Christen wegzuschicken, weil sie den Islam als traditionelle Religion zu achten hätten. Barthélémy fällt ihm mit dem ironischen Hinweis ins Wort, weder der Islam noch das Christentum kämen von den Ufern des Senegal oder des Limpopo. Beide Religionen hätten im Senegal deshalb wenig mit Tradition zu tun. Mehr als erstaunt fragt der Fall Barthélémy, wer er denn sei. Und weil er ihn dabei duzt, verzichtet auch Barthélémy bei seiner Rückfrage auf das höfliche Sie. Der Präfekt macht dem Abgeordneten klar, dass der Skandal um Guelwaars Tod auf keinen Fall Opposition und Presse beschäftigen dürfe, weshalb die Exhumierung stattfinden müsse. Der Abgeordnete befiehlt also, diese vorzunehmen. Imam Biram nimmt nun die Graböffnung vor. Abgeordneter, Präfekt, Dorfvorsteher, Gora und Mor Ciss werden hinzugeholt, um als Zeugen zu bestätigen, dass in der Tat Guelwaar hier bestattet wurde. In einer kurzen Ansprache an die Bewohner von Bay Aly beschuldigt der Abgeordnete nun Mor Ciss, dieser habe um ein Haar einen Religionskrieg im Senegal entfacht, den er, der Abgeordnete, aber soeben verhindert habe. Auch habe er Zucker und Mehl und Reis für die Bauern mitgebracht, die er jetzt im Dorf verteilen wolle. Und während Guelwaars Leichnam in die Tücher über den Zaun des Friedhofs gereicht wird, versichern sich der €lteste Gor Mag und der Imam ihres gegenseitigen Respekts. Auf dem Rückweg in die Stadt kommt den Trauernden der Lieferwagen mit den Lebensmittelspenden des Abgeordneten Fall entgegen. Wütend stoppen die Jugendlichen den LKW, und beginnen damit, Mehl, Zucker und Reis auf die Strasse zu schütten. Weder die Ermahnung Abbé Léons noch des €ltesten können sie davon abhalten. Und die um Unterstützung gebetene Witwe, Nogoye Marie, antwortet, nicht das Tun der Jugendlichen, sondern was sie mit Guelwaar hätten geschehen lassen, sei der eigentliche Frevel. Und damit blendet der Film abschliessend noch einmal zurück auf jene Rede Guelwaars, in der er die Entgegennahme der Nahrungsmittelhilfe als Bettelei angeprangert und als deren unmittelbare Folge den Verlust von Stolz und Würde diagnostiziert hatte.

Kritik

Mit Guelwaar hat Ousmane Sembène erneut seine Meisterschaft unter Beweis gestellt, das Kino als "Abendschule für das Volk" zu nutzen, d.h. ein im besten Sinne volkstümliches Kino zu realisieren, welches zu unterhalten weiss, dem aber darüber nicht die Probleme aus dem Blick entschwinden, denen sich die Zuschauer alltäglich gegenübergestellt sehen. Zu diesem Zweck lässt Sembène nicht Helden über Bösewichter siegen - wie dies häufig im Hollywood-Kino der Fall ist - sondern seine komplex angelegten Figuren vereinigen in sich sowohl 'richtiges' wie 'falsches' Bewusstsein. Hier steht und sieht sich Sembène auch selbst in der Tradition Brechtscher Lehrstücke, und er macht auch kein Geheimnis daraus, wem seine Sympathien jeweils gelten. So scheint auch der durch sein mutiges Auftreten sehr sympathische Gora keine ganz reine Weste zu haben, während umgekehrt sein Antipode, der anfangs arrogant und wichtigtuerisch auftretende Barthélémy zunehmend an Kontur gewinnt, um sich schliesslich - nicht zuletzt dank der gezielten Provokationen Goras - in der Auseinandersetzung mit dem Abgeordneten Fall doch zu seiner Identität als Senegalese zu bekennen. Gerade in der allmählichen Wandlung Barthélémys, die als Prozess zunehmender Bewusstwerdung angelegt ist, lassen sich einige jener Probleme nachzeichnen, die Sembène zufolge von besonderer Relevanz für die Zukunft Afrikas sind und die in den Dialogen mit Gora auch ausdrücklich aufgegriffen werden: die Abwanderung der gut ausgebildeten Elite nach Europa; die Ignoranz der Herrschenden gegenüber den Interessen und Problemen der einfachen Bauern; die Korruption im grossen Stile, aber auch jene kleineren Gefälligkeiten und Zuwendungen, die Loyalität sichern sollen; fehlendes Selbstvertrauen in die eigenen Kräfte ("Quelle Afrique!") und daraus resultierende Minderwertigkeitsgefühle; die Korruption im grossen Stil etc.

Didaktische Hinweise

Da auch dann wenig Verständnisprobleme zu erwarten sind, wenn das Publikum keine speziellen Kenntnisse von und über Afrika hat, bedarf der Film keiner umfangreichen Einführung. Sinnvoll ist eine kurze Information über die Person Sembènes bzw. den westafrikanischen Staat Senegal. Vor dem Hintergrund der Handlung ist auch ein Hinweis auf die religiöse Zusammensetzung der Bevölkerung sinnvoll: ca. 85% Muslime, ca. 5% Christen; ca 10% Animisten. Weil der Film die Umstände von Guelwaars Tod nicht streng chronologisch erzählt, sondern sie in Form assoziativer Erinnerungen aufblättert, die als Rückblenden eingeschoben werden, ist es ein möglicher Gesprächseinstieg, die chronologische Rekonstruktion der Ereignisse gemeinsam vorzunehmen. Auch die Aufforderung an die GesprächsteilnehmerInnen, verschiedene Handlungsebenen zu benennen und sie für eine genauere Analyse kurz zu charakterisieren, lenkt das Gespräch schnell auf die wichtigsten Aspekte des Filmes:

  • Die Beziehung zwischen den Eheleuten Guelwaar und Nogoye Marie; allgemeiner: das Verhältnis zwischen Männern und Frauen
  • Die Konflikte in der Familie Guelwaars
  • Worin unterscheidet sich das Verhalten der Witwen in ihrer Reaktion auf den Tod ihrer Männer? Welcher Wandel ist im Blick auf die Generationen erkennbar?
  • Guelwaars Zivilcourage und die Feigheit seiner Gefährten
  • Welche Bedeutung haben Religion und Politik für das Leben der Menschen? Wie verhalten sich die religiösen Autoritäten im Vergleich zu den politischen (Dorfältester, Gouverneur, Abgeordneter)?
  • Durch welche Phänomene wird die 'grosse Politik' gekennzeichnet?
  • Welche Rolle spielt die Korruption auf den verschiedenen Ebenen? Wie funktioniert und was bewirkt sie?

Des weiteren werden im Film sowohl implizit wie explizit einige Thesen formuliert, die sich gut als Ausgangspunkt für ein Streitgespräch eignen. Die Zuschauer können z.B. in einem Rollenspiel Stellung beziehen:

  • Der Dialog Nogoye Maries mit Guelwaar über die 'Arbeit' der Tochter als Prostituierte. (Guelwaar: "Lieber sehe ich sie als Nutte, als dass sie bettelt.")
  • Dieses Wechselverhältnis von (vermeintlich) bürgerlicher Ehrbarkeit und (unwürdiger) Abhängigkeit wird auch im Dialog Barthélémys mit Abbé Pierre aufgegriffen ("Es kann keine Tugend geben im Elend!")
  • Wie und warum wird die Nahrungs- bzw. Entwicklungshilfe aus dem Norden kritisiert? Welche Voraussetzungen werden an eine sinnvolle Entwicklungshilfe geknüpft? Wie ist diese Einschätzung Sembènes zu bewerten?
  • Inwieweit lässt sich das hier skizzierte Modell eines multireligiösen Staates auf unsere Situation übertragen? Was bedeutet den Menschen die Religion im Alltag? Was verbirgt sich hinter Verhaltensweisen, die oft vorschnell als 'Fundamentalismus' erklärt werden?
  • Wie ist das dem Film nachgeschobene Motto (Beginn der Abspanntitel) zu verstehen: "Eine afrikanische Legende des 21. Jahrhunderts."?

Eine weitere Bedeutungsebene lässt sich im Gespräch über die jeweilige Verwendung der beiden Sprachen - des Französischen bzw. der Landessprache Wolof - erschliessen. Die Funktion der jeweils verwendeten Sprache bzw. des Wechsels von einer in die andere ist dramaturgisch immer präzise durchdacht. Besonders deutlich wird dies in zwei Schlüsselszenen. Zum einen im (selbstverständlich französisch geführten) Dialog zwischen Gora und Barthélémy auf dem Weg ins Dorf. Die zweite wichtige Szene ist in diesem Zusammenhang der in Wolof geführte Dialog Goras mit dem Dorfältesten, weshalb Barthélémy nur Französisch spreche.

Hinter der bissigen Charakterisierung Barthélémys als Möchtegern-Weisser, der im Begriff ist, seine Herkunft zu verleugnen, kommt Sembènes auch in anderen Filmen deutlich erkennbares Anliegen zum Tragen, die einfachen Leute zur Kritikfähigkeit zu ermuntern und ihnen Mut zu machen, sich nicht einschüchtern zu lassen von den Mächtigen. Wem die Amtssprache Französisch in erster Linie dazu dient, sich vom einfachen Volk abzusetzen und sich als etwas besseres zu dünken, dem gilt Sembènes ganzer Spott.

Dieser dramaturgisch geschickt genutzte Umgang mit den unterschiedlichen Sprachen dient also auch der Charakterisierung von Figuren und lässt deren Absichten deutlicher erkennen. Dass Gora ein fähiger Beamter ist, wird auch daran erkennbar, dass er selbstverständlich gut Französisch spricht, es aber nicht nötig hat, seine Autorität durch seine Sprachfertigkeit zu unterstreichen. Er beweist im Gegenzeil, dass er sich gegen die Anmassungen Barthélémys zur Wehr setzt, andererseits aber auch andere dazu befähigt, diese subtile Form von Herrschaft zu durchschauen und sich dagegen zu wehren. Ein weiterer interessanter Einstieg ist durch die die Einbeziehung des gleichnamigen Buches gegeben. Es lohnt sich, einzelne Passagen in der Buch- und Filmversion miteinander zu vergleichen. Geeignet hierfür ist z.B. die Einführung Nogoye Maries oder die Ausführungen über Goras Herkunft. Dabei kann auch Sembènes Vorwort im Buch herangezogen werden, wo er ausführt, dass bei Guelwaar erstmals der Film dem Buch vorausgegangen sei und welche Schwierigkeiten - aber auch welche künstlerischen Möglichkeiten - sich daraus für ihn ergeben hätten.

Über den Regisseur

Ousmane Sembène wurde 1923 in Senegal geboren. Soldat in der franz. Kolonialarmee; danach arbeitete er als Fischer, Mechaniker und Maurer. Zu seinen Erfahrungen als Docker in Marseille schrieb er 1956 seinen ersten Roman le docker noir. Weil in Afrika mit Filmen mehr Menschen zu erreichen sind als mit Büchern, studierte er an den Moskauer Gorki-Studios Film. 1962 gründete er die erste unabhängige afrikanische Produktionsgesellschaft. Seitdem arbeitet er sowohl als Romancier wie Filmemacher.

Literaturhinweise

  • Papa Samba Diop u. a.: Ousmane Sembène und die senegalesische Erzahlliteratur. München: text + kritik, 1994; darin: Heinz Hug: "Vom alltäglichen Leben des Volkes und seiner Grösse sprechen" - Der Schriftsteller und Filmemacher Ousmane Sembène. S. 53-147
  • Ousmane Sembènes Roman Guelwaar - Ein afrikanischer Heldenroman ist, mit einem Nachwort von Heinz Hug, 1997 im Wuppertaler Peter Hammer Verlag erschienen. Dort erschien auch Sembènes Roman Xala in einer neuen Übersetzung (1997).
  • Im Berliner Oberbaum Verlag wurden die Romane Weisse Genesis (1983), Die Postanweisung (1988) und die Erzählungen Der Voltaer - Niiwam - Taaw (1992) veröffentlicht. Der Frankfurter Lembeck Verlag brachte 1988 den Roman Gottes Holzstücke heraus.
  • Afrika Initiative Hannover (Hrsg.), Toki Bouki - Ein Lesebuch zum afrikanischen Film, Bezugsadresse: über den Buchhandel oder direkt bei: Afrika Initiative Hannover, Lister Meile 4, 30161 Hannover
  • Fernand Jung; Südlich der Sahara - Filme aus Schwarzafrika, KoPäd Verlag, München 1997
  • Marie-Hélène Gutberlet / Hans-Peter Metzler (Hrsg.), Afrikanisches Kino. Horlemann-Verlag, Unkel/Rhein; Bad Honnef 1997

Bernd Wolpert, Februar 1998
(Gekürzte Fassung der EZEF-Arbeitshilfe Nr. 132)

Adressen

  • Stiftung Bildung u. Entwicklung, Monbijoustr. 31, 3001 Bern Tel. 031 389 20 21 (Unterrichtsmaterialien zu Nord-Süd-Themen, Beratung, Kurse), verkauf@globaleducation.ch,  www.globaleducation.ch 
  • Dokumentation Alliance Sud, Monbijoustr. 31, 3001 Bern Tel. 031 390 93 37 (Dokumentation, Ausleihe, Recherchen zu Nord-Süd-Themen), dokumentation@alliancesud.ch, www.alliancesud.ch 
  • Erklärung von Bern, Quellenstr, 25, Postfach 177, 8031 Zürich, Tel. 01 271 64 34, info@evb.ch, www.evb.ch 
  • artlink, Büro für Kulturkooperation (ehemalige Fachstelle Kultur und Entwicklung), Waisenhausplatz 30, Postfach 109, 3000 Bern7, Tel. 031 / 311 62 60, www.artlink.ch 
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Last Update 08.12.2008